Flugzeuge, Keramik und die Ambivalenz der Erfahrung

 

Der Traum vom Fliegen ist mit den Wünschen der Menschen und ihren Mythen seit jeher eng verwoben. Wie der antike Mythos von Ikarus zeigt, ist jedoch auch der Moment der Hybris, die den Menschen, unzufrieden mit seiner erdgebundenen Existenz, übermütig und leichtsinnig werden läßt, wichtiger Bestandteil dieses Traumes. Wie kaum eine andere Errungenschaft kann das Flugzeug in seiner Faszination als technische Ikone des 20. Jahrhunderts gelten.

Flugzeuge spielen im neueren Werk von Philip Tsiaras eine wichtige Rolle. Formelhaften Silhouetten gleich gleiten sie über die Bildfläche, verwandeln sich dem Hintergrund an, verschwinden beinahe, durchdringen die verschiedenen Bildebenen. Die Ambivalenz der Erfahrung ist in diesen Bildern präsent: Einfache Umrisse, Kinderzeichnungen ähnlich verweisen auf die private Erfahrungswelt; Erinnerungen gleich tauchen sie aus der Tiefe des Bildgrundes auf. Flugzeuge als Embleme moderner Kommunikation umrunden die Welt, sind allgegenwärtig und diese Gegenwärtigkeit hat durchaus auch eine bedrohliche Komponente. Flugzeuge, die zu Beobachtungszwecken eingesetzt werden, Flungzeuge, die eine moderne, gleichzeitig distanzierte Kriegsführung erst ermöglicht haben. Das Werkzeug, das sich gegen seinen Erfinder richtet: Der alte Traum vom Fliegen zeigt seinen Januskopf.

Die mit geometrischen Unterteilungen strukturierten Bilder,

 

Radarbildschirmen ähnlich, zeigen eine komplexe Vernetzung zwischen Erinnerung, Realität und Fiktion, die sich auf der Bildfläche materialisieren. Die unruhig fleckige Oberfläche besitzt eine Dynamik, die der ruhigen, aufs Wesentliche reduzierten Grundform der Flugobjekte zu widersprechen scheint. Tsiaras fängt diese beiden Gegensätze kompositionell auf, indem er die Flugzeuge z.B. formatfüllend im Bild plaziert, oder die Fläche durch ein eingeblendetes Raster, wie bereits erwähnt, strukturiert.

Konzentrate individueller Rezeption der Kulturgeschichte der letzten 40 Jahre, besitzen Philip Tsiaras Bilder die Intensität des Erlebten, das sich mit der Imagination verbindet und damit zu einem Ausdruck findet, der über das Individuelle hinausreicht und vom Lebensgefühl einer ganzen Generation spricht.

Die Keramiken, den Gemälden vom künstlerischen Ansatz her nicht unähnlich, sind bildlich aufgefaßte Gefäße, angefüllt wiederum mit Erinnerungen; sie transportieren Inhalte individueller wie kulturhistorischer Art, die die kulturelle Identität des Künstlers ausmachen. Einfache, traditionelle Formen, angefüllt mit Bruchstücken der Realität, die dem Betrachter entgegenquellen oder mit assoziativen Applikationen belegt, etwa: Damenschuhe, die auf die weibliche runde Form des Behälters reagieren, sind diese Gefäße Emanationen des inneren Selbst. Tsiaras erkundet in ihnen seine Wurzeln, gräbt in ihnen Verborgenes, Verschüttetes aus.

 

Die Form der Gefäße bildet einen Hinweis auf Tsiaras’ Verbundenheit mit der klassischgriechischen Kultur, die Teil seiner Herkunft ist Private Mythologien spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Auseinandersetzung mit der Kultur Nordamerikas, mit der er aufgewachsen ist.

Tsiaras Kunst setzt sich ganz bewußt mit dem Spannungsfeld verschiedener kultureller Einflüsse auseinander, die seine individuelle Realität geprägt haben und noch prägen. Daraus erwachsen starke, eigenwillige Kunstwerke, deren Aussagekraft auch Allgemeingültigkeit besitzt.

Martin Stather

Konservator

Mannheim Kunstverein